Als in Deutschland die ersten Fälle von Covid-19
diagnostiziert wurden, war das für uns noch sehr weit weg. Ich weiß noch genau,
wie ich in den Nachrichten über den Ausbruch in China gelesen habe und mir
nicht viel dabei gedacht habe. Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir
ausmalen können, dass das was jetzt aktuell in Deutschland, in Europa, ja auf
der gesamten Welt abläuft, Realität werden könnte. Aber es ist so. Wir befinden
uns in einer noch nie dagewesenen Phase und müssen harte Einschränkungen in
unserem Alltag hinnehmen. Damit wir uns nicht falsch verstehen. Die Maßnahmen
(Stand: 23.03.), die Deutschland und Europa unternommen wurden finde ich gut
und notwendig, nur denke ich auch, dass es damit nicht getan ist. Natürlich
möchte ich auch keine Hysterie und Panik verbreiten, aber wir sollten davon
ausgehen, dass es nicht in den nächsten 3 - 4 Wochen getan ist und wir fröhlich
unseren Alltag wieder genießen können.
Unsere Pläne im März waren groß. Kevin
wollte vor ein paar Tagen die Hunde zurück nach Berlin bringen, Freunde und
Familie wollten kommen und auch ich wollte nach Berlin fliegen. Alles findet
nicht statt. In einer Nacht und Nebelaktion haben wir uns nur wenige Stunden,
bevor der Flug von Lissabon nach Berlin ging, dagegen entschieden zu fliegen.
Das Risiko, dass Kevin nicht mehr nach Portugal einreisen könne, war einfach zu
groß. Auslöser war eine Regierungserklärung vom portugiesischen Präsidenten,
dass für die nächsten zwei Wochen der nationale Notstand ausgerufen wurde. Zu
dem Zeitpunkt waren die Grenzen zu Spanien bereits dicht und man kam nur noch
vereinzelt mit Sondergenehmigung durch. Wir fuhren also am 18. März spät abends
aus Lissabon in die dunkle Nacht nach Süden. Unser Plan war es, dass wir die
Zeit an der Algarve aussetzen wollten. Wir wollten in Etappen wieder zurück zur
Algarve fahren, da wir längere Strecken mit dem Wohnmobil vermeiden wollten und
sowieso auch gerne ein bisschen mehr vom Hinterland Portugals sehen wollten.
Wir suchten uns einen schönen See raus und gingen vorher nochmal einkaufen.
In
Portugal wird durch den Virus auch viel eingekauft, aber es ist nicht so
schlimm wie in Deutschland. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen hier
solidarischer sind und mit ein wenig mehr Vernunft und Menschenverstand
einkaufen. Es bilden sich vor den Supermärkten immer wieder lange Schlangen, da
nur eine gewisse Anzahl von Menschen sich zur selben Zeit im Supermarkt
befinden dürfen. Es werden auch Handschuhe verteilt und von 8 bis 10 Uhr
morgens sollen überwiegend Personen, die über 65 Jahre alt sind, einkaufen. So
möchte man vermeiden, dass die Risikogruppen auf andere Altersklassen treffen.
Nachdem wir alles bekommen haben, sind wir zum See gefahren. Vorort waren noch
einige andere Camper. Es war sehr idyllisch und wir waren froh an einem Ort
angekommen zu sein, wo es entspannt aussah. Die Nacht war kurz und ich legte
mich für einen Mittagsschlaf aufs Ohr. Ich wurde durch ein Gespräch der anderen
Camper wieder wach und ja was soll ich sagen, mir fehlten erstmal die Worte.
Ich dachte wir sind erstmal angekommen und können jetzt entspannen. Aber falsch
gedacht, eine Bewohnerin vom nahe gelegenen Dorf kam zu uns und übermittelte uns
die fröhliche Botschaft, dass ab dem nächsten Tag eine landesweite Quarantäne
herrschen sollte, für ganze Zwei Wochen. Das hieß, dass wir uns von hier nicht
wegbewegen durften. Wasser hätten sie uns für den Zeitraum bereitgestellt. Wir
guckten uns beide an und wussten insgeheim schon, dass wir hier eigentlich nicht
auf andere angewiesen sein wollten. Zudem hatten wir auch nicht für 2 Wochen
eingekauft. Wir überlegten, wo wir hinfahren hätten können und dachten direkt
an unseren schönen privaten Parkplatz in Luz an der Algarve. Hier fühlten wir
uns sicher und auch hier war Wasser unten am Strand verfügbar. Das Wasser
Verfügbar war, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht, da landesweit alle
öffentlichen Toiletten und Wasserzugänge geschlossen wurden.
So fuhren wir also
wieder zu Lidl und kauften erneut ein. Hier in Portugal gibt es praktische 6
Liter Wasserkanister zukaufen, womit wir uns eindeckten. Dazu kamen Nudeln,
Reis, Konserven, alles was nicht wirklich schlecht werden kann. Ja auch Klopapier,
natürlich. Aber in Maßen, wir wollen ja das Toilettenpapier nicht an unsere
späteren Kinder irgendwann vererben. Wir füllten auch unsere Wasservorräte am
Wohnmobil auf und tankten erneut voll. Nun waren wir gerüstet, für die Zeit in
Luz.
In den letzten Tagen musste unsere Kreditkarte wirklich leiden. Erst sind
wir komplett umsonst von der Algarve nach Lissabon gefahren, dann haben wir
einen viel zu großen Hundekäfig für den Flug nach Berlin gekauft und zu guter letzt
mussten die Hunde noch einen ärztlichen Gesundheitscheck machen, dass sie
flugtauglich sind. Die Flüge nach Berlin werden uns natürlich auch nicht
erstattet und wir mussten ja auch wieder runter zur Algarve fahren. Unser Lebensmittelvorrat
reicht wahrscheinlich bis zum Ende der Reise und dieser Hundekäfig... Junge, dieses riesen Ding ist einfach permanent im Weg.
Vor ein paar Tagen sind wir
also mit unserem rollendem Späti in Luz angekommen und es war ruhig, sehr
ruhig. Auf dem Parkplatz waren nur drei weitere Wohnmobile. Ein Großteil der
Camper ist der Empfehlung des auswärtigen Amtes gefolgt und ist auf dem Weg
zurück in ihre Heimatländer. Wir sind so ein bisschen in der Schwebe. Wir
wissen nicht wie es weiter geht. Die Campingplätze werden alle nach und nach
geschlossen und wild darf man ja sowieso nicht campen. Wir hatten in den
vergangen Tagen viel Zeit uns einen Plan B und C zurechtzulegen. Zudem haben
wir uns ein bisschen mehr mit dem Thema Covid-19 und den Maßnahmen beschäftigt.
Aktuell tut Portugal, wie auch der Rest in Europa (ausgenommen Großbritannien),
alles dafür, dass die infizierten Zahlen zurückgehen. Das sehen wir durch die
einschneidenden Maßnahmen in unserem Alltag. In den nächsten Wochen werden die
Zahlen an infizierten zurückgehen und die Maßnahmen werden sich lockern. Man
wird wieder mehr Alltag haben und natürlich wieder mehr Kontakt mit seinen
Mitmenschen. Da es Aktuell noch kein Heilmittel gegen das Coronavirus und nur
sehr wenig immune Menschen gibt, wird sich das Virus wieder ausbreiten. Es
werden wieder Maßnahmen unternommen, um den Kontakt zu minimieren. Wir denken,
dass nach der zweiten, spätestens aber nach der dritten Phase Portugal alle
Menschen mit keinen dauerhaften Wohnsitz aus dem Land werfen wird.
Es ist leider aktuell schwer irgendwas zu planen. Wir hatten auch bereits
Kontakt zu der Polizei, um uns ein wenig auf den neuesten Stand zubringen, aber
selbst sie wissen nicht genau, was man darf und was nicht. Denn wenn die
Campingplätze schließen, wir nicht wild campen dürfen und die Grenze zu Spanien
komplett dicht ist, wo sollen wir dann noch hin? Es ist momentan wirklich ein
Versteckspiel mit den Behörden. Wir tauschen uns in Facebook Gruppen mit
anderen Campern und deren Erfahrungen aus, aber oft wird dort einfach nur
geraten, jetzt und sofort nach hause zufahren. Von diesem Szenario wollen wir
aber noch Abstand halten. Erst wenn es die Situation nicht mehr zulässt, wollen
wir die Segel streichen und nachhause fahren. Aber was wäre das für ein Ende
unserer Reise?
Wir sind ehrlich, sowas hatten wir nicht kommen sehen und wir
können ja auch nicht sagen, dass wir einfach in ein anderes Land fahren. Es ist
eine globale Krise und wenn wir alle ehrlich sind, wird sie auch noch bis ins
nächste Jahr reichen. Was für eine schöne Scheiße. Wir sind gefangen im
Paradies. Wir sind hier, 500 Meter vom Strand entfernt und dürfen uns doch nur
in Ausnahmefällen bewegen.
Wir wissen nicht wie es weiter geht. Es gibt täglich neue
Informationen und die Sachlage kann sich extrem schnell ändern. Es wird wohl
darauf hinaus laufen, dass es Phasen gibt, wo man einen eingeschränkten Alltag
hat und Phasen wo man seinen gewohnten Alltag nachgehen kann. Natürlich sind
das kleine Probleme, im Vergleich zudem, was eigentlich gerade auf der Welt los
ist. Und doch hat ja jeder seine eigene Geschichte und muss gucken wie er mit
der neuen Situation umgeht.
Wir hoffen, dass es euch allen gut geht und ihr euch an die
vorgegebene Maßnahmen haltet. Nur gemeinsam kann man diese Pandemie
durchstehen. Zeigt Solidarität und lasst euch von den Medien nicht zu sehr
verrückt machen. Informiert euch auf verlässlichen Seiten. Wir haben vor ein
paar Tagen auch einer älteren Frau geholfen, ihren platten Reifen zuwechseln.
Sie hatte sich so sehr gefreut, dass sie uns heute ihre Rotwein Reserven geschenkt
hatte. Sie fuhr heute nach Hause. Es sind schwierige Zeiten, wo man einander
einfach helfen sollte, auch wenn man die Personen erst seit 5 Sekunden kennt.
Update 25.03.2020
Seit gestern wissen wir, dass die Uhr tickt. Die Regierung will bis zum 28.03. alle Personen mit nicht portugiesischen Wohnsitz aus dem Land haben.
Für uns gibt es gerade drei Optionen, die alle mit großen Aufwand, Risiken und Kosten verbunden sind.
1. Möglichkeit: Wir suchen uns eine Abstellfläche für unser Wohnmobil und fliegen nach Hause.
2. Möglichkeit: Wir fahren mit unserem Wohnmobil nach Hause.
3. Möglichkeit: Wir suchen uns hier ein Haus, Wohnung oder Grundstück mit Mietvertrag und bleiben so lange es geht.
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