Blog #4 | Festgefahren in Spanien – ohne Diesel, Wasser, Gas, Strom und wenig Essen

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Paule
Wir befinden uns im Norden von Spanien. Vor uns liegen die Pyrenäen. Sie trennen die Iberische Halbinsel im Süden vom übrigen Europa im Norden und spannen sich vom Atlantischen Ozean im Westen bis zum Mittelmeer im Osten. Sie sind rund 430 Kilometer lang und sind Teil des Alpidischen Gebirgssystems. Die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Spanien folgt im Wesentlichen dem Gebirgskamm der Pyrenäen.

Wie bereits im letzten Blog geschrieben wurde, haben wir uns mit der Durchquerung mehrere Tage beschäftigt und waren uns jetzt endlich sicher, welchen Weg wir nehmen sollten. Nach reichlicher Überlegung entschiedenen wir uns dafür, die Mautautobahn zu nutzen, da wir hier die wenigsten Höhenmeter zurücklegen mussten. Sicherlich wären die Passstraßen durch die Pyrenäen spektakulärer gewesen, jedoch horchen wir immer mit einem halben Ohr, was uns unser Wohnmobil sagen will. So fuhren wir also die entspannte Route von San Sebastian über Eibar und Vitoria-Gasteiz nach Burgos. Die Gebühren für die Strecke waren absolut fair. Wir bezahlten für die komplette Strecke gerade einmal 15 Euro. Ich denke, dass das eine gute Investition war, wenn man bedenkt, dass beim Überqueren von Gebirgen mit einem Wohnmobil wie wir es haben, doch einiges kaputtgehen kann. Unser unangefochtenes Nummer 1 Ziel ist es ja, ohne größere Pannen nach Portugal, an die Algarve zukommen.

Unterwegs hatten wir wieder wunderschöne Übernachtungsplätze gefunden. Auf einer Erhöhung mit in einem Valley stand eine alte, verlassene Kirche. Der Spot war super, jedoch nicht so leicht zu erreichen mit unserem Gefährt. Der Weg war nicht asphaltiert und hatte einige nette Steigungen zu bieten, wo man nur mit Anlauf rüberkam. Da wir mit der Zeit bereits ein eingespieltes Team sind, steigt der Beifahrer immer aus und checkt vorher die Lage und schätzt dann ein, ob es machbar ist oder eher ein Himmelfahrtskommando wird.  In dem Fall stieg ich aus und sah schon, dass das letzte Stück sehr steil wird und man hier nur mit genug Schwung hochkommt. Nicht ganz so einfach also mit einem 7 Meter Schiff, wenn die Passagen vorher auch noch recht eng und drei links-rechts Kurven dabei sind. Ich gab aber mein Go und wir probierten es. Ohne viel Schwung, blieben wir auf der Schrägen stehen. Die Räder drehten durch und wir kamen nicht mehr voran. Jetzt mussten wir erstmal gute 500 Meter rückwärtsfahren, um wieder erneut Anlauf zunehmen. Wir wechselten die Fahrersitze und ich probierte mein Glück. Ich beschleunigte direkt und ließ den Motor aufheulen. Diesmal schafften wir es mit Mühe und Not über die Steigung. Aus dem Motorraum kam wieder der Geruch der Kupplung, aber das kennen wir schon, wenn wir es mal wieder übertreiben. Der Schotterweg war auch von unserem Fahrzeug gezeichnet, aber egal. Wir waren oben und der Ausblick war sagenhaft. Wir hatten einen wundervollen 360°-Panorama-View. Nachts hatten wir einen klaren Himmel und wir konnten die wundervollen Sterne beobachten und sahen sogar als Highlight die Umrisse der Milchstraße. Nachts wurde es sehr kalt, sodass es am frühen Morgen im Wohnmobil nur 4°C waren, echt ungemütlich. Jedoch jeder Tag bringt immer etwas Neues und nachdem ich mir einen frischen Kaffee und Frühstück gemacht hatte, konnte der Tag starten.

Wir fuhren weiter nach Süden. Wir passierten die Städte Palencia, Valladolid und Salamanca und waren nun endlich auf der Höhe mit der Stadt Porto in Portugal. Zirka 50 Kilometer südlich von Salamanca übernachteten wir an einem See. Es war wieder ein wunderschöner Platz am Fuße eines Stausees. Es roch überall nach Kamille, das war der Wahnsinn. Nach der kältesten Nacht des bisherigen Trips, konnten wir am nächsten Tag einen wunderschönen Sonnenaufgang genießen. Im Anschluss an einem erfrischenden Bad im See und einer heißen Outdoor Dusche verflog so allmählich die gute Stimmung. Es hatte angefangen zu regnen und da wir uns in einem Tal befanden und die Zufahrtswege vorher sandig und jetzt matschig wurden, kamen wir auch nicht mehr so schnell hier wieder raus. Es gab zahlreiche unterschiedliche Wege, die wir alle ausprobiert hatten, jedoch ohne Erfolg. Ein Weg war zu steil und die Räder drehten durch, ein anderer wurde immer schmaler und die Durchfahrtshöhe unten den Bäumen lag im weiteren Verlauf bei unter 2 Meter. Bei einem neuen Versuch mussten wir zuerst über einen kleinen Hügel. Das sah am Anfang nicht weiter dramatisch aus, jedoch weil wir so langes Heck haben, waren wir vorne bereits drüber hinweg und setzten mit dem Hinterteil massiv auf dem Erdboden auf. Das Fazit war, das wir uns die Beleuchtung und das Kennzeichen vom Anhänger abgebrochen hatten, sowie links und rechts das Plastik vom Kotflügel. Das schmerzte schon sehr und war nicht schön, aber im Endeffekt nur „Blechschaden“.

Wir haben uns also festgefahren und kamen hier nicht mehr ohne fremde Hilfe raus. Eventuell hätten wir auf besseres Wetter warten können, jedoch versprach die Prognose nichts Gutes. Dazu kam, dass nahezu alle Ressourcen aufgebraucht waren. Am Abend zuvor wollten wir noch Tanken fahren, hatten das dann aber auf den nächsten Tag verschoben, da es schon spät war und wir keine Lust mehr hatten. Unsere beiden 11 Kilogramm Gas-Flaschen waren so gut wie leer. Unser Strom war ebenfalls aufgebraucht, da unsere 230 Amperestunden Batterie an den Anschlüssen korrodiert war und somit kein Strom mehr über das Solarmodul gespeist werden konnte. Unsere Powerbanks waren zu allem Überfluss auch alle leer. Unser letztes Wasser haben wir für die morgendliche Dusche verbraucht, mit dem Wissen, dass wir unseren Vorrat ja eigentlich bei der nächsten Tankstelle wieder auffüllen hätten können. Unser Lebensmittel Vorrat bestand nur noch aus Nudeln, Reis, Bier und Rum. Für alle die studiert haben, ist das wahrscheinlich nichts verwunderliches, sondern eher der Normalzustand von den Sachen, die man so zuhause hat. Ein zusätzliches Glas Tomatensauce ist da sicherlich auch schon ein Luxusgut.

Zurück zu unserer misslichen Lage. Es war nass, kalt, keine Ressourcen, mimimi. Das erste Mal wirklich raus aus der Komfortzone und direkt der erste Stresstest für uns. Da wir vor der Reise einen Schutzbrief für unser Wohnmobil abgeschlossen hatten, nutzen wir diesen auch direkt hier und jetzt zum ersten Mal. Also erstmal aus Spanien nach Deutschland telefonieren, damit die nette Dame am anderen Ende des Telefons die Niederlassung in Spanien mit dem Fall beauftragen konnte. Da es nicht so einfach war, unsere Position durchzugeben, gaben wir ihr die Google Maps Koordinaten. Sie meinte dann nur, dass wir angeblich irgendwo im Wasser stehen würden und sie damit nichts anfangen konnte. Wir schmunzelten und warteten dann auf dem Abschleppdienst.

Nach zirka 2 Stunden kam dann wirklich eine Person, die direkt ziemlich anpisst wirkte. Da er nur Spanisch sprach und kein Englisch konnte und wir kein Spanisch konnten und nur Englisch sprachen, war das so eine Sache mit der Verständigung. Der Google Übersetzer konnte dann erstmal für die ersten Klarheiten sorgen. Mit Händen und Füßen ging die Verständigung dann los. Wir fuhren erneut über den Hügel, wo wir bereits vor 2 Stunden schon einmal aufgesetzt hatten und freuten uns schon regelrecht auf das erneute zusammentreffen. Da wir uns ja aber bereits alles abgerissen hatten (yeah), passierte diesmal nicht so viel. Stücken für Stücken arbeiteten wir uns nach oben. Der jetzt immer netter werdende Spanier zog uns immer 10 Meter mit seiner Seilwinde nach oben und dann betätigten wir unsere Handbremse und warteten, dass er weiterfuhr. Dieses Spiel wiederholten wir einige Male. Unsere Kupplung japste die gesamte Zeit und roch einfach so unverschämt nach „das wird teuer“. Da mir 2010 bereits schon einmal meine Kupplung auf einem Roadtrip durch Australien durchgebrannt ist, wusste ich in welchem Kostenrahmen wir uns ungefähr befanden. Auf dem Weg zum Parkplatz haben wir uns dann noch den Zweiten Teil der LTE-Antenne abgerissen. Vor ein paar Tagen hatte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn eine Kurve zu eng genommen und die LTE-Antenne ein erstes Mal beschädigt.

Nachdem wir endlich wieder in sicheren Gewässern waren, gönnten wir dem Wohnmobil eine lange Pause und wir uns ein Bier. Auch wenn es körperlich wenig anstrengend wirkte, war es für den Kopf wie als wenn man 5x die gleiche Abi-Prüfung schrieb. Purer Stress, da man Angst hatte, dass dieses Ereignis größere und vor allem kostenintensive Folgen hätte. Nach dem heutigen Tag habe ich zumindest ein spanisches Wort gelernt. DESPASITO – schön langsam. Das sagte er immer wieder. Es war wirklich sehr kurios, dass wir uns gegenseitig sprachlich nicht verstanden haben, jedoch mit Händen und Füßen und guten Assoziation es dann doch geschafft hatten.

Wir fuhren weiter nach Süden. Die nächsten größeren Orte waren Plasencia und Caceres. Bei Mérida nahmen wir dann endlich den Abzweig nach Westen, nach Portugal. Kurz vor der Grenze hatten wir nochmal einen echten „Lost Place“ gefunden. Ein alter stillgelegter Güterbahnhof diente uns als Übernachtungsplatz. Da wir erst nachts hier angekommen waren, konnten wir die Ausmaße noch gar nicht einschätzen. Am nächsten Morgen sahen wir aber den gesamten Platz und es gab so viel zum Entdecken und Erkunden. Der Orte hatte was von einer Filmkulisse aus dem Wilden Westen der USA. Ich folgte den Gleisen zur linken Seite, da ich in der Ferne einen Tunnel gesehen hatte und schon immer einmal in einen solchen Zugtunnel laufen wollte. Auf dem Weg dorthin bemerkte ich bereits, das in dem einem Gleisbett die Schienen viel sauberer und nicht angerostet waren. Das gab mir kurz zudenken, jedoch würde man ja einen Zug bereits aus weiter Entfernung hören. Zudem gibt es ja den alten Trick, dass man das Ohr auf die Schienen legt und dann hört, ob sich ein Zug nähert. Ich lief also durch den Tunnel und kam in einer noch wilderen Natur raus, als diese, die wir bereits hier vorgefunden hatten. Man konnte auf die Signallichter klettern und alte Bahnhofshäuser durchlaufen. Es war tatsächlich ein großer Abenteuerspielplatz, für Menschen wie mich, die auf sowas sehr abfahren. Ein großes Silo hatte dann kurz bevor wir losfahren wollte nochmal meine Aufmerksamkeit geweckt. Die Leiter sah wenig vertrauenswürdig aus und war stark verrostet. Nachdem ich aber einen kurzen Schütteltest gemacht hatte und nichts von der Leiter abbrach, empfand ich das als „Safe“ und kletterte hinauf auf das Silo. Oben angekommen hatte man einen sehr schönen Ausblick über das gesamte Bahnhofsgelände. Unten wieder angekommen packten wir alle Sachen zusammen, denn wir wollten heute ja noch die Grenze zu Portugal erreichen. Voller Vorfreude packten wir also alles wieder zusammen und waren bereit loszufahren. In dem Moment vernahm ich tatsächlich ein Geräusch, was ich so jetzt nicht mehr erwartet hätte. Es kam tatsächlich ein Zug aus dem Tunnel, wo ich gerade noch langspaziert bin. Gut für mich, denn in dem Tunnel war nur Platz für einen und mal ganz ehrlich, der Zug hätte klar und deutlich gewonnen. So fuhr also der Zug, mit einem durchaus zügigen Tempo, an uns vorbei. Wir winkten dem Lokführer zu und dieser hupte sogar dann noch uns zurück. Das zauberte uns wieder ein kleines Lächeln ins Gesicht, da man so eine Aktion auch nicht jeden Tag erlebt. In solchen Fällen sollte man auch immer die kleinen Dinge im Leben wertschätzen und sich einfach freuen. Das macht das Leben umso lebenswerter.

Am 10. November 2019 erreichten wir abends die Grenze zu Portugal und freuten uns tierisch, dass wir es endlich geschafft hatten. Ein Gefühl von Heimat machte sich breit. In den letzten Jahren waren wir immer wieder zum Surfen in Portugal unterwegs. Wir freuten uns über jede Kleinigkeit, als wir die Grenze überquert hatten. Angefangen, dass es hier statt Ampeln viel mehr Kreisverkehre gibt und man so quasi nie anhalten muss, über die Tatsache, dass wir hier selbst am Sonntag in den Supermarkt gehen können, bis hin, dass wir einen Mega-geilen Spot gefunden hatten und direkt ein Lagerfeuer entzünden konnten.

Nun sind wir nach 18 Tagen in Portugal angekommen. Ein bisschen früher als erwartet und weniger Länder, die wir durchquert hatten, aber trotzdem schön. Bis zur Algarve sind es noch zirka 320 Kilometer und wir waren frohen Mutes, dass wir nun das letzte Stückchen auch noch schaffen.


Übernachtung am Stausee mit einem wunderschönen Sonnenaufgang - später folgte die schlechte Laune

Am Abend zuvor - Lagerfeuer am Stausee

Der Moment, nachdem wir den Boden geküsst haben :/








 Der nette Spanier an seiner Seilwinde, teilweise hatte sein Fahrzeug auch eine bedrohliche Schräglage eingenommen.




Unserer Kupplung ist die Anstrengung deutlich anzusehen.

 Unser Übernachtungsplatz an einer alten, verlassenen Kirche mit 360°-Panorama-View






 Anka war abends kalt und da hat sie meine Mütze bekommen :-)


kein Wunder, bei dann 4°C am Morgen im Wohnmobil


Der stillgelegte Güterbahnhof - ein echter "Lost Place"





















Der Blick vom Silo - es geht weiter nach Portugal. Yihaaa

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